EVAG-Ausbildung: Tom trifft Özkan, Industriemechaniker-Azubi

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Montagmorgen, 07.15 Uhr: Normalerweise starte ich jetzt im gewohnten Erzhof-Büro in die Arbeitswoche. Aber nicht heute. Heute schlüpfe ich in meine Stahlkappenschuhe und fahre zur Kombihalle am Betriebshof Schweriner Straße. Denn hier bin ich mit Özkan verabredet. Der sympathische 22-Jährige ist Auszubildender zum Industriemechaniker im dritten Lehrjahr und lässt sich an diesem Morgen von mir über die Schulter schauen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan: Der Gute ist nämlich 1,96 Meter groß und eigentlich auch nicht viel weniger breit. Als wäre das nicht genug, winkt er mir zur Begrüßung lachend von seiner Hebebühne aus.

An der Schweriner Straße in Essen-Frohnhausen befindet sich natürlich nicht nur unsere Lehrwerkstatt. In erster Linie ist hier die Hauptwerkstatt für Schienenfahrzeuge beheimatet. Da hier unzählige handwerkliche Tätigkeiten ausgeübt werden, trifft man beim Rundgang über den Betriebshof ziemlich viele Azubis, die in den verschiedensten Abteilungen eingesetzt sind.

Über die Schwiegermutter zur EVAG

Özkan erzählt mir, dass er als Kind eigentlich Professor werden wollte. „Ich kann dir gar nicht sagen, was für einer. Aber auf jeden Fall Professor!“, lacht er. Dass er es sich dann doch anders überlegt hat, lag an einem Schulpraktikum. „Das habe ich bei der Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH in Duisburg gemacht. Danach war für mich klar: In diesem Beruf möchte ich später arbeiten!“ Die Mutter seiner Freundin war es dann, die ihn auf die EVAG aufmerksam gemacht hat: „Sie ist Busfahrerin bei der DVG in Duisburg. Als sie mir dann eine Broschüre über die Ausbildung bei der EVAG mitgebracht hat, habe ich mich hier beworben. Ich bin heilfroh, dass das geklappt hat.“

Gemeinsam mit anderen Azubis und Mitgliedern der Verkehrshistorischen Arbeitsgemeinschaft EVAG (VHAG) restauriert Özkan zurzeit die historische Straßenbahn mit der Nummer 1501. „Dieser Triebwagen wurde 1951 gebaut, ist also ganze 66 Jahre alt! Es ist spannend, daran mitzuwirken und zu beobachten, wie sich die Bahn entwickelt.“ Meinem 22-jährigen Azubi-Kollegen macht es sichtlich Spaß, an so einer besonderen Bahn zu arbeiten.

Özkan und der Triebwagen 1501 – aus der Nachkriegszeit

Und er fühlt sich wohl in seiner Ausbildung: „Ich mag einfach das handwerkliche, dieses ‚dreckig werden‘. Als Industriemechaniker erwarten einen jeden Tag neue Herausforderungen. Sowohl bei der Arbeitsvorbereitung als auch bei der Umsetzung ist häufig Spontanität gefragt, da man nie weiß, was als nächstes passiert.“

So auch beim Triebwagen mit der Nummer 1501. Momentan arbeiten Özkan und seine Kollegen an der Instandsetzung des Wagenkastens. Für mich sieht das aus wie ein mehr als in die Jahre gekommener Blechkasten ohne Innenausstattung. Fensterscheiben oder Elektronik sind da für mich nicht zu erkennen. Doch der Schein trügt: Die Straßenbahn, die vor über 60 Jahren von der Firma Duewag gebaut wurde, hat schon unzählige Fahrten sowie einen Museumsaufenthalt in den Knochen. „Wenn wir mit unserer Arbeit fertig sind, wird das Fahrzeug – so wie die anderen Fahrzeuge der VHAG – für Stadtrundfahrten und Sondereinsätze verwendet.“ Ich schaue Özkan zu, wie er in präziser Handarbeit ehemals verrostete Stellen erneuert und die eigenhändig zugeschnittenen Bleche zurecht feilt, sodass die Oberfläche des Wagens nach und nach in neuem Glanz erstrahlt. So etwas bekommt man – vor allem als kaufmännischer Azubi – eher (nur) selten zu sehen. „Seit Dezember 2016 wird die Straßenbahn schon restauriert, und das hier ist noch der erste Abschnitt der Arbeiten.“ Ist der Wagenkasten instandgesetzt, kommen die Auszubildenden Elektroniker für Betriebstechnik ins Spiel, die sich um das elektronische Innenleben des Triebwagens kümmern. Ein riesiges Projekt also, das sich sogar durch verschiedene Ausbildungsberufe zieht.

Zwischen Projekten, Arbeit und Berufsschule

Ein weiteres Highlight in Özkans Ausbildung bei der EVAG: „Im zweiten Lehrjahr hatten wir ein Azubi-Projekt im Kindergarten ‚FrechDachse‘ in Essen-Dellwig. Da haben wir in Teamarbeit verschiedene Renovierungs-aufgaben erledigt und mit unserem ganzen Ausbildungsjahr den Kindergarten auf Vordermann gebracht. Das hat mir viel Spaß gemacht!“

Genau wie Lukas, den ich euch in meinem letzten Artikel vorgestellt habe, geht auch Özkan immer zwei Wochen zur Schule, dann vier Wochen auf die Arbeit. „Offene Fragen aus der Schule können wir wie alle anderen Azubis bei der EVAG im wöchentlich stattfindenden Werksunterricht mit unseren Ausbildern klären.“

Auf die Frage, wie viel er sonst so mit anderen Azubis zu tun hat, antwortet mir Özkan: „Momentan sind wir ja mit diesem Sonderauftrag hier beschäftigt. Hier sind außer mir noch andere Azubis eingesetzt; das macht natürlich umso mehr Spaß. Normalerweise sind wir eher die einzigen Auszubildenden in unseren Abteilungen, manchmal aber eben auch zu zweit oder zu dritt.“

Wenn Özkan loslegt, fliegen in der Kombihalle die Funken

Wie die meisten anderen gewerblich-technischen Azubis legt Özkan im Normalfall morgens um 06.30 Uhr los und arbeitet dann bis um 15.00 Uhr. „Freitags habe ich dann eine Stunde früher Feierabend. Um 08.00 Uhr und um 12.00 Uhr treffe ich mich meistens zur Pause mit meinen Kollegen.“

Von Freizeit bis Gewerkschaft

Özkans Ausbildung zum Industriemechaniker bringt es mit sich, dass er auch privat gerne an Fahrzeugen herumschraubt. „Außerdem trainiere ich viel.“ Damit meint er vor allem Kraft- und Kampfsport. Eine Überraschung sieht für mich anders aus. Zum Beispiel so: „Wenn das Wetter schön ist, spiele ich auch gerne Minigolf. Außerdem gefällt mir Darts ganz gut.“ Ein Mann mit vielen Interessen also!

So langsam neigt sich unser Treffen dem Ende. Özkan muss zur Versammlung der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) der EVAG. Hier setzt er sich gemeinsam mit vier anderen gewählten Vertreter-/innen für die Belange der Auszubildenden ein und steht ihnen mit Wort und Tat zur Seite. Und auch ich könnte mal wieder ins Büro fahren. Spätestens nach diesem Besuch habe ich Gefallen an meinen Besuchen in der Werkstatt gefunden. Solche Einblicke bekommt man schließlich nicht jeden Tag. Vielleicht war das ja nicht das letzte Mal.

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